
Am Anfang steht die Beobachtung
Im Sommer 2023 habe ich Wien für einige Tage besucht. Einen davon verbrachte ich im Venuskabinett und im Naturhistorischen Museum. Dort begegneten mir unter anderem die Venus von Willendorf und eine Replik der Venus von Lespugue – archäologische Funde aus der jüngeren Altsteinzeit, datiert auf etwa 32.000 bis 24.000 v. Chr.
Ich erinnere mich daran, wie ich um die Glasvitrinen tänzelte und sich mein Blick an diesen kleinen Körpern festsetzte: an ihren Volumen, ihren eindrücklichen Proportionen, an dem, was sie zeigen – und an dem, was sie offenlassen. Seit diesem Besuch entsteht meine fortlaufende Serie von Zeichnungen der Hollevenus.

In diesen Bildern verhandele ich einerseits Eindrücke der Vielzahl von Venusstatuetten, die beispielsweise auch im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) zu sehen sind. Andererseits fließen Inspirationen aus meinem 2022 begonnenen Langprojekt über die Figur der Frau Holle ein.
Jede Zeichnung integriert dabei Naturbeobachtungen:
Wurzeln,
Blüten,
Insekten,
die kleinen Bläschen auf der Oberfläche eines Teiches,
Wolken,
ihre Schatten und manches mehr.
Formen die mir begegnen, hängen bleiben und schließlich in meinen zeichnerischen Prozess eingehen – dort weiterführen und Verwandlungen durchlaufen. Aus einer Linie kann eine Wurzel werden, aus einer Wurzel ein Körper, aus einer zufälligen Verdichtung eine Gestalt.

Zwischen Figur und Abstraktion
Ich beginne ohne Vorzeichnung.
Eine Linie zieht die nächste nach sich, eine beobachtete Form erinnert an eine andere. Dabei weiß ich selbst oft nicht, wohin sich die Zeichnung entwickeln wird. So oszillieren die Arbeiten zwischen Beobachtung und Intuition.
Sie erinnern in ihrer visuellen Erscheinung an Kupferstiche, sind aber allesamt Einzelstücke. Sie entstehen oft über lange Zeiträume hinweg und in einer Konzentration, die dem zeichnerischen Prozess seine eigene Ruhe gibt. Gerne führe ich ihn unter freiem Himmel aus.
Mit feinen schwarzen Linien und tänzelnden Punkten wachsen Formen langsam auf dem Papier. Anders als in meinen Malereien treten hier figürliche Erscheinungen in den Vordergrund. Doch auch diese Körper bleiben in Bewegung. Dynamische Linien und sich verdichtende Strukturen lassen sie entstehen, ohne sie eindeutig festzulegen.


Diese Körper sind Erscheinungen einer Figur, die ich Hollevenus nenne – wobei diese Bezeichnung eine eigene Kreation ist.
Die Hollevenus
Jenseits ihrer populären Märchengestalt, wie sie uns etwa bei den Grimms begegnet, interessiert mich Frau Holle als Spur einer sehr alten, vielgestaltigen Figur. In ihr überlagern sich für mich Vorstellungen von Schöpfung und Verwandlung, von Werden und Vergehen und vom Kreislauf der Jahreszeiten.
Seit ich mich mit Frau Holle beschäftige, begegnet sie mir immer wieder in anderer Gestalt. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie sich für mich so gut mit den Venusstatuetten verbindet.

Zugleich klingt in der Hollevenus die Form der sogenannten Venusstatuetten an, jener frühen menschlichen Körperdarstellungen, deren Bedeutung bis heute offen bleibt. Sie werden teils als Ikonen der Body Positivity gefeiert, teils als Tanzende interpretiert, teils als Spuren einer matriarchalen Kultur gedeutet. Sie sind vielgestaltige Anstoss- und Reibungspunkte unserer Vorstellungen und Fantasien über den spirituellen Kosmos unserer Urahnen.

Die Hollevenus ist für mich keine Figur mit einer festen Gestalt. Sie entsteht immer wieder anders. Mal üppig weiblich, mal androgyn oder beinahe männlich. Sie entzieht sich zeitgenössischen Idealtypen von Geschlecht. Mal trägt sie mehrere Köpfe, mal löst sich ihr Körper auf und wird zu einer Ansammlung schwebender, pollenartiger Partikel.
Mit jeder Zeichnung erscheint sie neu. Sie verändert ihre Gestalt, ihre Körperlichkeit – und bleibt doch auf rätselhafte Weise dieselbe.


Mit jeder Arbeit entsteht eine weitere Hollevenus. Eine andere Erscheinung derselben Figur. Verwandt mit den anderen und doch von ihnen verschieden.