Gipfel und Täler
Videoarbeit / Video-Essay, 9:04 Min., entstanden für „Etwas über Holle“, Studiobox des Theaters Erfurt
„Gipfel und Täler“ lässt ein Ich aus Sprache hervortreten. Die Videoarbeit untersucht den Gedanken: Wie lässt sich Identität beschreiben, und wie verändert sie sich, wenn einzelne Zuschreibungen ineinanderfließen? Sprache, Musik, Schrift, Bewegung und Bild entwickeln dabei diesen Gedanken gemeinsam.
Das zugrunde liegende, gleichnamige Langgedicht entwickelt ein System von Selbstbeschreibungen. Jeder Satz wird von einem kurzen Kommentar begleitet, der zunächst konsequent der Form „Ich bin …“ folgt:
Ich stehe hier am Anfang – Ich bin Anfänger.
einer Entdeckungsreise – Ich bin Entdecker.

Aus einzelnen Sätzen entsteht so nach und nach eine Sammlung von Zuschreibungen. Doch das scheinbar klare System beginnt sich zu verschieben. Aus dem „Ich bin“ wird für einen Moment ein „Wir sind“, die Form bricht auf und findet schließlich zu einem anderen Bild von Identität: nicht als etwas Feststehendes, sondern als eine Topografie aus Erhebungen und Vertiefungen, aus Hervorstehenden und Verborgenem, aus Gipfeln und Tälern.
Für das Video wird der gesprochene Text durch musikalische Elemente rhythmisiert. Währenddessen schreibe ich die jeweiligen Bezeichnungen – „Anfänger“, „Entdecker“ und alle weiteren – mit schwarzer Tusche und einem Pinsel in einen stark durchfeuchteten Bildgrund. Die Schrift bleibt dabei nicht stabil. Die Tusche beginnt zu wandern, zerfließt und überschreibt sich selbst. Durch Überblendungen tauchen die Begriffe nur für kurze Augenblicke auf, gehen ineinander über und verschwinden wieder.
Die einzelnen Identitäten werden damit sichtbar und gleichzeitig ihrer Eindeutigkeit beraubt. Aus den Begriffen entsteht kein lesbares Inventar des Selbst, sondern eine bewegte Spur.

Nach dem Ende des gesprochenen Textes wird das Bild vollständig schwarz. Eine musikalische Sequenz setzt ein, die an einen Science-Fiction-Soundtrack erinnert. Aus einer einzelnen Linie beginnt sich langsam ein rotierender Körper zu formen – fremd und vertraut zugleich, irgendwo zwischen Meteoriten, Himmelskörper und Gestein. Die Form verdichtet sich, bis aus ihr allmählich ein Schwarzweißbild meines Gesichts hervortritt.
Das Selbstportrait entsteht so aus den Spuren der eigenen Beschreibung.
Die Arbeit greift dabei ein Verständnis von Identität auf, das sich nicht auf eine einzige, dominante Zugehörigkeit oder Eigenschaft reduzieren lässt. Identität erscheint vielmehr als Landschaft: Manche Erfahrungen, Eigenschaften und Zugehörigkeiten ragen zeitweise wie Gipfel hervor, andere liegen in Tälern, bleiben verborgen oder werden erst aus einer anderen Perspektive sichtbar.
Entstanden ist die Videoarbeit als Introsequenz für den Theaterabend „Etwas über Holle“ in der Studiobox des Theaters Erfurt. Der Abend verband eine Lesung eigener Texte mit einer Videoinstallation. Der Bühnenraum verwandelte sich dabei in eine Art Tropfsteinhöhle aus halbtransparenten Gazen, deren Erscheinung zwischen steinernem Gebilde und schwebender Wolke wechselte. Je nachdem, ob das Material von außen oder von innen beleuchtet wurde, entstanden unterschiedliche räumliche Zustände.
Das Video war in diesen Raum eingebettet und bildete den Übergang von der gesprochenen Sprache zur räumlichen und visuellen Welt des Abends.