Hof halten (Dokumentation)

Hof halten

eine performative Anthologie
von Lucian Patermann und folklicht*

Was ist mal versteckt, mal ganz da und wandert dann durch das Zimmer, in immer gleichen Bahnen?

Hof halten war eine ortsspezifische performative Hörbegehung, die auf der Donnerburg, einem historischen Dreiseitenhof in Klein Denkte (Niedersachsen), entwickelt wurde. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes entstand ein Theaterstück, dessen Bühne nicht gebaut, sondern betreten wurde: Der Hof selbst wurde zum Aufführungsraum und zugleich zur zentralen Figur des Stücks, die Besucher*innen zu Wandelnden zwischen Zeiten, Erinnerungen und möglichen Geschichten.

Projektbeschreibung

Ausgerüstet mit Kopfhörern bewegten sich die Besucher*innen in insgesamt 7 Vorstellungen durch Gebäude, Flächen und Übergänge der Donnerburg. Sie folgten einem Vertrauten, einer Figur, deren Stimme sie lauschen konnten, während sie selbst die Lippen verschlossen hielt. Während die äußere Wirklichkeit weiterlief – Regen fiel, Holz knarzte, Tiere riefen –, öffnete sich eine zweite Ebene der Wahrnehmung. Die Erzählungen verwoben historische Spuren mit poetischen Bildern, dokumentarischen Fragmenten und gesammelten Erinnerungen. Der Vertraute erschien dabei weniger als Erklärer, als viel mehr als Begleiter.

Der Ort wurde kein museales Objekt, sondern ein Gegenüber. Mauersteine begannen zu sprechen, natürliches Licht wurde zu einer erzählenden Kraft, und Vergangenheit trat nicht als abgeschlossene Geschichte auf, sondern als etwas, das in der Gegenwart weiterwirkt.

Ausgangssituation / Ort

Die Donnerburg leitet ihren Namen von der Donnerburgstraße ab. Sie ist ein alter Dreiseitenhof mit einer vielschichtigen Geschichte. Für Hof halten wurde sie nicht lediglich als Kulisse genutzt, sondern als Ausgangspunkt künstlerischer Recherchen – Es galt dem Ort selbst eine Stimme zu verleihen. Gespräche, historische Materialien, architektonische Details und atmosphärische Beobachtungen bildeten das Fundament für die Texte und Klangräume der Hörbegehung. Das Publikum war dabei nicht nur eingeladen zu lauschen, sondern auch selbst zu entdecken und anhand kleiner Aufgaben, die ihm mittels Briefen übermittelt wurden, Fühlung aufzunehmen – selbst zu Schreiben und eigene Frottagen von Oberflächen des Ortes zu erstellen.

Künstlerische Methode

Die Arbeit basiert auf der Methode der performativen Hörbegehung. Die Besucher*innen werden nicht geführt wie bei einer klassischen Führung, sondern in einen Zustand erhöhter Aufmerksamkeit versetzt. Die Kopfhörer schaffen eine intime akustische Nähe und lösen zugleich eine leichte Verschiebung der Wahrnehmung aus: Das Sichtbare und das Gehörte beginnen sich gegenseitig zu verändern.

Mich interessiert dabei der Moment, in dem das Vertraute seine Selbstverständlichkeit verliert – nicht weil der Ort sich verändert hat, sondern weil sich der Blick auf ihn verschiebt. Geschichte wird nicht vermittelt, sondern erfahrbar gemacht – in ihren materiellen Zeugnissen und zugleich in ihren Unwägbarkeiten.

Die Hörbegehung setzte sich nicht allein aus Text, Klang und der Erscheinung des „Vertrauten“ zusammen. Über das gesamte Gelände verteilt entstanden subtile künstlerische Interventionen: mit Kohle geschriebene Rätsel und kleine Gedichte auf Papier, arrangierte Fundstücke auf einem voll gerümpelten Dachboden, der ebenfalls mit Kohle in Mauerstrukturen gezeichnet Schatten eines Musketiers oder ein mit Büchern vermauert wirkendes Fenster, zwischen dessen Seiten schmale Lichtspalten aufleuchteten. Diese Eingriffe waren nicht als spektakuläre Installationen gedacht, sondern als leise Verschiebungen der Wirklichkeit. Sie luden dazu ein, genauer hinzusehen und ständig neu zu fragen: Gehört das schon immer hierher – oder beginnt der Ort gerade erst zu erzählen?

Der Vertraute

Die Figur des Vertrauten begleitete die Besucher*innen durch die Hörbegehung. Er ist weder Reiseleiter noch Erzähler einer linearen Handlung, sondern eine Schwellenfigur zwischen Ort, Erinnerung und Imagination. Der Vertraute ludt dazu ein, Spuren zu folgen, Fragen auszuhalten und den Hof als lebendigen Resonanzraum zu betreten.

Dokumentation

Spuren – Auszug aus den Hörstücken.

Das Gespräch mit dem Plapperstein – Auszug aus den Hörstücken.

Link zur Anknüdigung: https://lucianpatermann.com/2025/06/12/hof-halten-ankundigung/
Link zum Rahmenprojekt grund.stein.sein: https://grundsteinsein.de/

Titelbild: Lucian Patermann
Alle anderen Fotos: Sina Rühland

Credits

Konzept: Lucian Patermann & folklicht*
Text, Stimme und Performance: Lucian Patermann
Musik / Klang: Ayu (Nathanael Uhlig)
Ort: Donnerburg15, Klein Denkte (bei Wolfenbüttel), Niedersachsen
Produktion: Grund.stein.sein (2025) / folklicht*
Projektpartner*innen: Kunstverein Wolfenbüttel e.v.
Gefördert durch: